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EZB Ankauf von Unternehmensanleihen – Wirtschaftspolitik auf Kosten des Mittelstands?

Seit rund einem Jahr kauft die EZB, neben Staatsanleihen, in großem Umfang Unternehmensanleihen in der Eurozone. Nun wurde auf Druck des EU-Parlaments eine Liste aller Anleihekäufe veröffentlicht, die neben einer gewissen Aufklärung auch Fragen aufwirft.

Mit dem von der Europäischen Zentralbank betriebenen Programm zum Ankauf von Unternehmensanleihen (CSSP) soll erreicht werden, dass die Geschäftsbanken in der Eurozone weniger Geld in den Anleihenmarkt investieren und die Kreditvergabe an die Wirtschaft erweitern. Dies würde insbesondere kleinen und mittelständischen Unternehmen zu Gute kommen. Bei genauerer Betrachtung der Entwicklung der Kreditvergabe in der Eurozone entstehen allerdings leichte Zweifel, dass dieses Ziel mit dem Programm wirklich erreicht wird. Vielmehr besteht die Gefahr, dass große Konzerne ihre Marktmacht weiter ausbauen und dies, zumindest in Teilen, durch die EZB über den Kauf von Unternehmensanleihen mitfinanziert wird.

Finanzierung von Übernahmen und Zukäufen durch Anleiheemissionen

Quelle: Number1411/Shutterstock.com

Möchten große Konzerne einen Mitbewerber oder Unternehmensteile übernehmen, ist der Tausch von Aktien ein sehr beliebtes Mittel, oder auch eine Kapitalaufstockung. Mit dem CSSP der EZB bietet sich den Unternehmen nun die Möglichkeit eine Übernahme gänzlich über Schulden zu finanzieren, deren Zinslast zum Teil nah an 0,00 Prozent liegt. Da in der von der EZB veröffentlichten Liste nur die jeweiligen Unternehmensanleihen, der Ausgabetermin und die mit ihnen verbundene Zinslast angegeben sind, lässt sich nicht feststellen, im welchem Umfang der Ankauf durch die EZB stattgefunden hat. Viele Analysten sind jedoch der Meinung, dass einige Übernahmen und Zukäufe ohne die Anleihekäufe der EZB nicht durchgeführt worden wären. Ein Beispiel dafür ist der weltweit größte Bierbrauer Anheuser-Busch, von dem die EZB insgesamt neun ausgegebene Anleihen kaufte. Im vergangenen Jahr kaufte das Unternehmen den britischen Konkurrenten SAB Miller. Dieser Kauf wurde in großen Teilen über die Emission von Anleihen finanziert.

Auch Nestle, der weltweit größte Nahrungsmittelkonzern sollte in diesem Zusammenhang erwähnt werden. Nestle ist ein Schweizer Unternehmen, befindet sich also nicht in der Eurozone und außerhalb der Zuständigkeit der EZB. Trotzdem hat die EZB sechs verschiedene Anleihen von Nestle gekauft. Möglich ist dies mit einem einfachen Kniff, indem der Konzern diese Anleihen nicht über seinen Stammsitz, sondern über ein Tochterunternehmen mit Sitz in Belgien ausgegeben hat. Auf diese Wiese kommen auch Unternehmen außerhalb der Eurozone in den Genuss des günstigen Geldes der EZB.

EZB Gelder für kleine und mittlere Unternehmen nur theoretisch möglich

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Die EZB hat sich natürlich nicht verpflichtet nur Anleihen der ganz großen Konzerne und Unternehmen zu kaufen. Im Grunde steht es allen Unternehmen offen, eigene Anleihen auszugeben. Damit die EZB diese kaufen kann, müssen allerdings einige Voraussetzungen erfüllt sein. Ein ganz

wesentliche Voraussetzung ist dabei, dass Unternehmensanleihen durch eine Ratingagentur bewertet werden müssen, damit sie durch die EZB gekauft werden dürfen. Die Kosten für eine solche Anleihebewertung sind allerdings dermaßen hoch, dass sie die Vorteile eines Ankaufs durch die EZB, bedingt durch das Anleihevolumen bei kleinen und mittleren Unternehmen, praktisch vollständig zunichtemachen.

Vielleicht ist es ja etwas zu weit gegriffen, der EZB zu unterstellen, dass sie bewusst nur die Big Player in den Genuss des billigen Geldes kommen lässt. Die Annahme, dass sie mit diesem Programm aber tragende Säule der Wirtschaft vielleicht ein wenig aus den Augen verloren hat, könnte nicht


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